KRITIS unter Beschuss: Was Banken aus Angriffen auf Krankenhäuser lernen können

Cyberangriffe auf Krankenhäuser zeigen exemplarisch, wie verwundbar kritische Infrastrukturen geworden sind. Anders als in vielen anderen Branchen entstehen dort neben den wirtschaftlichen Schäden auch potenziell direkte Auswirkungen auf Menschenleben.

Genau deshalb eignet sich das Gesundheitswesen als Frühwarnsystem für andere regulierte Branchen.

Die Herausforderungen ähneln sich:

  • komplexe IT-Landschaften
  • Legacy-Systeme
  • hybride Infrastrukturen
  • hohe regulatorische Anforderungen
  • kritische Betriebsprozesse
  • begrenzte Security-Ressourcen

Viele der Angriffsmuster, die heute Krankenhäuser betreffen, lassen sich bereits in ähnlicher Form im Finanzsektor beobachten.

Warum KRITIS-Strukturen besonders anfällig sind

Kritische Infrastrukturen wachsen häufig historisch. Über Jahre entstehen komplexe Systemlandschaften mit Altanwendungen, Spezialsoftware, unklaren Schnittstellen, heterogenen Identitäten, Drittanbieterzugängen und Shadow-IT.

Gleichzeitig steigt die Vernetzung kontinuierlich. Cloud-Anbindungen, mobile Arbeitsplätze, externe Dienstleister und digitale Prozesse erhöhen die Angriffsfläche zusätzlich. Angreifer nutzen genau diese Komplexität aus.

Moderne Angriffsmuster in KRITIS-Umgebungen

Professionelle Angreifergruppen gehen in kritischen Infrastrukturen zunehmend methodisch vor. Ziel ist häufig die schrittweise Kontrolle komplexer Umgebungen. Initiale Zugriffe erfolgen über kompromittierte Identitäten, Phishing-Kampagnen, Schwachstellen in extern erreichbaren Diensten oder missbrauchte Dienstleisterzugänge. Gerade in stark vernetzten Organisationen reichen einzelne kompromittierte Zugangsdaten aus, um erste Bewegungen innerhalb der Infrastruktur zu ermöglichen.

Nach dem initialen Zugriff beginnt die eigentliche operative Phase. Angreifer kartieren Netzwerkstrukturen, prüfen Vertrauensbeziehungen, suchen nach privilegierten Konten und bewegen sich lateral zwischen unterschiedlichen Systemsegmenten. Besonders gefährlich sind historisch gewachsene Umgebungen, in denen alte Systeme, neue Cloud-Dienste und externe Schnittstellen miteinander verbunden sind, ohne dass Zugriffe konsequent segmentiert oder überwacht werden.

Technisch setzen viele Gruppen bewusst auf Living-off-the-Land-Techniken. Statt auffälliger Malware nutzen sie vorhandene Administratorwerkzeuge wie PowerShell, WMI, PsExec oder legitime Fernwartungsmechanismen. In Cloud-Umgebungen kommen kompromittierte API-Tokens und missbrauchte Identitäten hinzu. Dadurch erscheinen viele Aktivitäten zunächst wie normale Administrationsprozesse. Erst die Korrelation mehrerer schwacher Signale zeigt, dass sich ein Angriff entfaltet.

In KRITIS-Umgebungen entsteht daraus ein besonderes Risiko. Während Angreifer Persistenz aufbauen, Berechtigungen erweitern und Daten für spätere Erpressungs- oder Sabotageszenarien vorbereiten, bleibt der laufende Betrieb zunächst scheinbar stabil. Genau diese Phase ist für Cyber Defense entscheidend: Wer den Angriff erst bei Verschlüsselung oder Ausfall bemerkt, hat den wichtigsten Teil des Zeitfensters bereits verloren.

Was Banken daraus lernen müssen

Auch Banken und Versicherungen verfügen über komplexe, historisch gewachsene Infrastrukturen. Kernbankensysteme, Cloud-Integrationen und externe Schnittstellen erzeugen ähnliche Risiken wie im Gesundheitswesen.

Die wichtigste Erkenntnis lautet: Cybersecurity darf nicht isoliert betrachtet werden.

Entscheidend wird die Fähigkeit, Angriffe kontinuierlich zu erkennen, einzudämmen und betriebliche Resilienz sicherzustellen.

Segmentierung und Zero Trust als Kernprinzipien

Ein zentraler Erfolgsfaktor moderner Cyber Defense ist Netzwerksegmentierung. KRITIS-Organisationen müssen kritische Systeme konsequent voneinander trennen.

Dazu gehören unter anderem:

  • Trennung kritischer Kernsysteme
  • isolierte Administrationsbereiche
  • privilegierte Zugänge
  • restriktive Ost-West-Kommunikation
  • Mikrosegmentierung

Ergänzt wird dieser Ansatz durch Zero Trust.

Das Grundprinzip: Kein Zugriff wird automatisch vertraut. Jede Identität, jedes Gerät und jede Verbindung muss kontinuierlich überprüft werden.

Warum Resilienz wichtiger wird als reine Prävention

Die Realität moderner Angriffe zeigt, dass vollständige Prävention unrealistisch ist.  Deshalb verschiebt sich der Fokus zunehmend auf Resilienz. Unternehmen müssen davon ausgehen, dass einzelne Systeme kompromittiert werden können.

Entscheidend ist:

  • Wie schnell wird ein Angriff erkannt?
  • Wie weit kann er sich ausbreiten?
  • Wie schnell lassen sich kritische Prozesse wiederherstellen?

Dazu benötigen Organisationen belastbare Incident-Response-Pläne, getestete Recovery-Prozesse, isolierte Backups, klare Verantwortlichkeiten und regelmäßige Übungen.

Welche Rolle MDR und kontinuierliche Detection spielen

KRITIS-Umgebungen benötigen permanente Sichtbarkeit. 24/7 Detection und Threat Hunting werden deshalb zur Grundvoraussetzung moderner Cyber Defense.

MDR-Ansätze ermöglichen zentrale Telemetrieanalyse, Angriffskorrelation, frühzeitige Detection, schnelle Eskalation und koordinierte Incident Response.

Gerade in komplexen Infrastrukturen entsteht dadurch ein erheblicher Sicherheitsgewinn.

KRITIS braucht kontinuierliche Cyber Defense

Das Gesundheitswesen zeigt besonders deutlich, wie moderne Cyberangriffe ablaufen und welche strukturellen Schwächen sie ausnutzen. Die dort sichtbaren Herausforderungen betreffen längst nicht mehr nur Krankenhäuser.

Auch Banken, Versicherungen und andere kritische Infrastrukturen müssen ihre Sicherheitsstrategien stärker auf Detection, Resilienz und operative Reaktionsfähigkeit ausrichten.

Cyber Defense entwickelt sich dadurch von einer technischen Disziplin zu einer strategischen Kernfähigkeit moderner Organisationen.

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Klaus Wunder • Autor

Principal Cyber Defense Analyst

Klaus Wunder arbeitet als Senior Cyber Defense Consultant als Mitglied in unserem 24/7 Service Team. Er unterstützt unsere Kunden bei der Abwehr und Schadensbegrenzung von Cyberangriffen.

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